Beziehung

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Peter Simon Altmann, Der zweite Blick

In Zeiten aufgewühlter Grapsch- und MeToo-Diskussionen wirkt ein literarisch-erotischer Roman umso zeitloser und hintersinniger.

Peter Simon Altmann schickt seinen Helden zwischen die erotischen Kulturen Europas und Japans und lässt ihn dort in einer empfindsamen Sprache anhand von alten Schriften das erotische Kerngeschäft der Gegenwart erledigen.

E. M. Forster, Die Maschine steht still

Die Literatur belohnt sich manchmal selbst, indem sie Prophezeiungen, tatsächlich eintreten lässt und eine Post-Dystopie daraus macht.

E. M. Forster erzählt in seiner über hundert Jahre alten Geschichte von einem totalitären Internet, das die Menschen überfordert und als Diktatur bei der Stange hält. Im Zentrum des Geschehens steht die „Maschine“, alles wird durch sie gesteuert, sie ist weltweit vernetzt, ohne sie geht gar nichts. Es gibt sogar einen eigenen Knopf, mit dem angepasste Literatur abgezapft (heruntergeladen) werden kann.

Alessandro Baricco, Smith & Wesson

Das einzig Sinnvolle einer Waffe wie der Smith & Wesson ist ihr eingetragener Markenname. Damit lässt sich jede Menge Kohle machen, wenn man es klug angeht.

Alessandro Baricco formt aus dem Waffenmythos ein groteskes Medienstück, dessen Botschaft lautet, gute Geschäfte gehen immer mit der Todessehnsucht des Publikums einher. Das Stück selbst ist in Akte und Sätze eingeteilt wie eine Oper oder ein Kammerstück, die Figuren, einmal in Szene gesetzt, reden wie Wladimir und Estragon im Warten auf Godot, und als Bühnenbild gewaltigen Ausmaßes dienen die Niagarafälle, weil es dort die meisten Suizide und Hochzeitsreisen des Kontinents gibt.

Ruth Aspöck, Die alte Dichterin

Einer Dichterin verzeiht man in unserer ewig jungen Konsumkultur vielleicht noch am ehesten, dass sie alt wird. Die Leserschaft erwartet sich von ihr eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem Literaturbetrieb und Geschichten, die von Lebenserfahrung gespeist sind.

Ruth Aspöck geht ironisch ernst der Tatsache auf den Grund, dass Dichterinnen lange jung bleiben, wenn sie im literarischen Diskurs stehen, und gleichzeitig alt werden zusammen mit dem literarischen System, in dem sie verankert sind. Für ihre poetische Analyse eines Schriftstellerinnenlebens wählt sie eine gewisse Elizabeth Schwarz als ausgelagertes Ich.

Gerhard Falkner, Romeo oder Julia

Im postmodernen Literaturbetrieb steckt ähnlich einer russischen Puppe immer eine Inszenierung in der anderen. Mal ist es ein Buch, dann ein Festival, dann eine biographische Begebenheit, dann ein Traum, dann eine Love-Story aus der Erinnerung. Alle sind nach einem positiven Strickmuster geformt, damit sie auf den Klappentext passen.

Gerhard Falkner macht sich mit seinem Roman Romeo oder Julia über den Literaturbetrieb lustig und würdigt diesen als Arbeitgeber, der ständig die letzte absurde Kraftanstrengung von einem Autor fordert.

Kirstin Breitenfellner, Bevor die Welt unterging

Eine Historiker-Weisheit sagt, dass man für sein eigenes historisches Bewusstsein mindestens 30 Jahre alt sein muss. Davor ist alles ahistorisch und einmalig, erst später kann man sein eigenes Leben in Zusammenhänge fassen und an die Zeitgeschichte andocken.

Kirstin Breitenfellner geht es in ihrem Roman um dieses Andocken an die Zeitgeschichte. „Bevor die Welt unterging“ beschreibt aus Schlagzeilen und auf den Alltag herunter gebrochenen Anekdoten eine Spät-Kindheit und Abitur-Adoleszenz zwischen 1979 und 1989.

Hans Augustin, Berlin. Danziger Straße

In einer lebendigen Literaturszene entstehen immer wieder neue Literaturformen. Seit den Nuller-Jahren hat sich beinahe flächendeckend das Geschäftsmodell einer Vorlass-Literatur herausgemausert. Dabei werden Werke nicht für das Publikum verfasst, sondern für Kisten, die man in diversen Literaturarchiven aufstellt und für die Gegenwart sperrt. Manchmal haben Vorlass-Dichter allerdings nicht den Nerv, den eigenen Tod abzuwarten, und schreiben wieder was für das Publikum, weil sie die Stille in den Kisten nicht aushalten.

Hans Augustin hat einen Teil seiner Werke bereits im Archiv entsorgt, umso freudiger werden seine Bücher jetzt vom Publikum aufgenommen, weil es eine Belohnung ist, selbst noch bei Lebzeiten Texte eines noch Lebenden lesen zu dürfen.

Aleš Šteger, Logbuch der Gegenwart

Eine literarische Antwort auf die Welt der politischen Selfies und Clouds ist die Echtzeitliteratur, die im Stile eines journalistischen Selbstversuchs an sogenannten Hotspots der Weltgeschichte abläuft oder durch Inszenierung Hotspots schafft.

Aleš Šteger ist in der Kernzone seiner selbst Poet, allerdings ist er wie ein Kriegsberichterstatter ununterbrochen unterwegs, um eine Art Logbuch der Gegenwart zu inszenieren. Wenn unsereins sagt, dass die heutige Zeit im Bild der Roman von morgen ist, so sagt der Autor, dass dieser Roman auch dort spielen muss, wo die Nachricht über ihn entstanden ist.

Martin Kolozs, Mein unruhiges Herz

Bei jedem Lyrikband von Format bleibt einem als Leser beim ersten Anblättern etwas in Erinnerung, was diesen Band einmalig macht.

Im Falle von Martin Kolozs „Mein unruhiges Herz“ ist es die Unruhe im Cover, dessen Inschrift völlig auszuckt, um sich dann letztlich in einem Buchstaben-Klumpen zu beruhigen. Dieses Cover lässt schon erahnen, wie wild es rund um das lyrische Ich im Buchinnern zugeht.

Evelyn Grill, Immer denk ich deinen Namen

Gute Sprichwörter erleichtern zwar den Tagesablauf zwischendurch, harte Sachen freilich müssen in der Literatur die Helden umso heftiger ausbaden, je bessere Sprichwörter sie kennen.

Evelyn Grill bringt in ihrem Roman „Immer denk ich deinen Namen“ zwei hochbelesene, feinfühlende und aufgeklärte Helden zusammen. Ein Germanistikprofessor aus Karlsruhe trifft in Prag bei einer Kafka-Tour die Lektorin Vera, und schon beim Heimfahren in ihre Literaturzellen merken beide, da ist etwas geschehen. Beide unterliegen offensichtlich dem Doderer‘schen Diktum: „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um!“ (31)

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