Rezension und Tipps für den Unterricht: Talitha

Aktueller könnte die Thematik kaum sein, die in diesem überaus spannenden Tagebuchroman geschildert wird. Erzählt wird die Geschichte einer Flucht, Protagonistin ist Talitha, ein halbwüchsiges Mädchen aus Syrien. Sie beschreibt in ergreifenden Tagebucheinträgen Szenen voller Angst, Verzweiflung und Tod. Talitha und ihre Familie verlassen ihre Heimat, um dem Terror in Damaskus zu entkommen und die Chance auf einen Neuanfang in Deutschland wahrzunehmen. Das Buch ist in vier große Abschnitte gegliedert, wobei jedes Kapitel mit einer arabischen Weisheit eingeleitet wird. Die ersten beiden Abschnitte des Buches beschreiben den Alltag in Damaskus, Teil drei und vier widmen sich der Darstellung der Flucht.

„Schreibe auf, was dir Angst macht. Worte sind wie ein Fischernetz, mit dem du alle deine Angst einfangen kannst!“, rät die Mutter der 14-jährigen Talitha. Das Mädchen nimmt sich diesen Ratschlag, obwohl sie anfangs vom Schreiben eines Tagebuches ganz und gar nichts hält, zu Herzen und beginnt die Seiten des Tagebuches zu füllen. Sie erzählt zu Beginn viel von ihrer Verwandtschaft, von den Eltern und den zwei Geschwistern, von Onkeln und Tanten, Cousinen und Cousins, von den Großeltern. Sie zeichnet ein Bild des Regimes, das Präsident Assad in Syrien aufgebaut hat und schildert den Alltag der Familie, in dem es keine Meinungsfreiheit und keinen freien Zugang zum Internet gibt. Religionsfreiheit wird den christlichen Familien in Syrien noch gewährt, deshalb wird im Elternhaus Talithas Assad vorerst auch nicht offen kritisiert. Erst als die Demonstrationen, die demokratische Wahlen und eine Änderung der Verfassung zum Ziel haben, häufiger und die daraus resultierenden Kämpfe immer unübersichtlicher werden, wird bei den Mahlzeiten im elterlichen Haus vermehrt über Politik diskutiert. Die drohende Errichtung eines islamischen Staates bereitet der modernen, gebildeten und aufgeschlossenen Familie außerdem viele zusätzliche Sorgen.

Die Einträge in das Tagebuch sind unterschiedlich lang, manche weisen nur fünf Zeilen auf, andere ziehen sich über mehrere Seiten. Der Leser/die Leserin erfährt viel über den Schulalltag der Kinder in einer internationalen Schule und über den Berufsalltag der Eltern. Simon, Talithas älterer Bruder, interessiert sich wie sein Freund Fady in großem Ausmaß für die politischen Vorkommnisse in seinem Heimatland. Als bei Anschlägen Schulfreunde und Verwandte von Talitha und ihren Geschwistern ums Leben kommen, engagiert sich Simon immer mehr gegen den IS. Er verschickt heimlich Fotos, die den grausamen Alltag der Kämpfe zeigen, an internationale Medien. Der Gedanke, die Heimat Syrien zu verlassen, wird in der geschockten Familie erstmals konkret, als Simon durch eine Autobombe stirbt und Talitha, die mutig die Arbeit ihres Bruders fortsetzen will, in die Fänge des Geheimdienstes gerät, verhaftet und brutal verhört wird.

Bewertung

Eine zarte Liebesgeschichte zwischen Talitha und Fady verleiht dem Buch, das über weite Strecken die schrecklichen Auswirkungen eines Bürgerkrieges und dramatische Szenen einer Fluchtsituation realistisch darstellt, dann doch noch eine gewisse Leichtigkeit. Dass auch im Alltag eines Krieges die empfindsame Pflanze der Verliebtheit erblühen kann, gibt dem Leser/der Leserin jenen Funken Hoffnung, der einen glücklichen Ausgang der Geschichte vielleicht doch möglich erscheinen lässt.

Einsatz im Unterricht

Für den Einsatz im Unterricht ist dieses Buch durchaus gut geeignet und sehr empfehlenswert, die oft sehr berührenden Tagebucheinträge ermöglichen es, tief in die Materie Krieg und Flucht einzutauchen und anschaulich beschriebene Situationen mit dem eigenen Lebensalltag zu vergleichen. Auch unter Umständen vorkommende Vorurteile gegenüber Flüchtlingen können anhand dieser Geschichte besprochen und in eine differenziertere Betrachtungsweise umgewandelt werden.

Text: Birgit Müller-Kaftan

Bild: Obelisk Verlag

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