Dietmar Füssel, Wirf den Schaffner aus dem Zug

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Manche Bücher bleiben als Manifeste in Erinnerung, da ist der Inhalt des Buches schon lange vergessen. Bertha von Suttners „Die Waffen nieder“ (1889) ist so ein Buch, das wahrscheinlich seit hundert Jahren nicht mehr gelesen aber umso häufiger zitiert worden ist.

Dietmar Füssel hat 1983 mit seinem Schaffner-Buch Furore gemacht. „Wirf den Schaffner aus dem Zug“ bringt so genannte respektlose Geschichten ans Tageslicht, dabei werden vor allem politische Strukturen, Ordnungshüter, Dogmen und Faustregeln unverblümt an das schwarze Brett gehängt mit der Bitte um Revision. Die einzelnen Geschichten sind als fiktionale Überlegungen gedacht, nicht aber als Handlungsanleitung.

Die Handlung ist nämlich in den meisten Geschichten schon geschehen. Ein üblicher Vorgang, dass etwa eine Fahrkarte nicht griffbereit ist, wenn sie gezeigt werden soll, führt in einem Ordnungsstaat zur Hinrichtung des Ich-Erzählers. Als dieser nichts vorweisen kann, wird er in ein Fußballstadion geführt und zur Pause hingerichtet. Schlimm an dieser Geschichte ist, dass der Delinquent nicht mehr berichten kann, wie das Spiel, das seine Liquidierung umrahmt, ausgegangen ist.

In einem nicht minder respektlosen Fall rebelliert der Jugendliche dagegen, dass seine Eltern das alte Klo zerstört und erneuert haben. Seine ganze Kindheit ist durch dieses Plumpsklo strukturiert gewesen, dutzende Krankheiten sind mit dieser vom Wetter gebeutelten Einrichtung per Abhärtung besiegt worden. Wenn Eltern schon etwas an ihrem Leben verändern, sollen sie sich gefälligst mit ihren Kindern darüber abstimmen!

In einem Labor einer literarischen Einrichtung ist offensichtlich ein Kafka-Klon eines Käfers ausgekommen. Dieses unheimliche Insekt aus der Verwandlung läutet eines Tages beim Ich-Erzähler und führt somit eine neue Form des Realismus ein.

Diese respektlosen Geschichten stellen fiktional alles auf den Kopf. Alles kann Vorlage für einen unerwarteten Realitäts-Kick sein. Märchen werden in Horror umgewandelt, Dialoge des Schwachsinns ungefragt auf die Bühne gestellt, Protokolle geheimer Sitzungen per Aushang veröffentlicht. Der Staat, worin sich diese Entgleisungen abspielen, heißt witzigerweise Normalia.

Jetzt, eine Leseepoche und Lesegeneration später, hat Dietmar Füssel sein Schaffnerbuch wieder in einer Neuausgabe zugänglich gemacht. Dabei sind einige Texte hinzugekommen, die sich in dieses Vorstellungsgebilde von 1983 haben unterbringen lassen. Auch wenn vieles noch topaktuell ist, so hat dieses Schaffner-Manifest vom Widerstand doch einige Matzen der Zeit abbekommen. Kaum vorstellbar, dass Texte noch funktionieren, wenn Handys, Tablets oder das Netz überhaupt noch nicht erfunden sind.

Orte wie Zwentendorf sind wie semantische Wüstungen des Waldviertler Truppenübungsplatzes aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Die Grünen mit ihren sozialen Liebschaften haben noch überhaupt keinen Auftritt. Respektlos wird jenen Uniformträgern ans Schienbein gepinkelt, die heutzutage alle ausgestorben sind wie die Postler, oder schon wieder geliebt werden, wie die Polizisten, die inzwischen anstandslos gegendert sind.

Diese Neuauflage zeigt, wie sich die Farbskala der Respektlosigkeit innerhalb einer Generation radikal verändert hat. Aber das ist auch eine Aufgabe der Literatur, aufzuzeigen, wie man zu verschiedenen Zeiten der jeweiligen Gesellschaft auf die Finger schaut. Und hinter all dem Zeitgeistigen stehen dann immer noch diese frechen Geschichten, die man fast schon wie eine Pippi Langstrumpf feiert mit dem Slogan: Wirf den Schaffner aus dem Zug!

Dietmar Füssel, Wirf den Schaffner aus dem Zug. Respektlose Geschichten
Malente: Vitolibro 2016, 127 Seiten, 9,95 €, ISBN 978-3-86940-230-7

 

Weiterführende Links:
Vitolibro: Dietmar Füssel, Wirf den Schaffner aus dem Zug
Wikipedia: Dietmar Füssel

 

Helmuth Schönauer, 05-08-2016

Bibliographie
AutorIn: 
Dietmar Füssel
Buchlangtitel: 
Wirf den Schaffner aus dem Zug. Respektlose Geschichten
Erscheinungsort: 
Malente
Verlag: 
Vitolibro Verlag
Seitenzahl: 
127
Preis in EUR: 
9,95
ISBN: 
978-3-86940-230-7
Kurzbiographie AutorIn: 

Dietmar Füssel, geb. 1958 in Wels, lebt als Bibliothekar und Schriftsteller in Ried/OÖ.

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