Marion Poschmann, Geliehene Landschaften

Auch wenn der Kapitalismus noch so sehr darauf pocht, dass man die Welt besitzen könne, Landschaften jedenfalls lassen sich nicht besitzen, sondern nur leihen. Damit gleichen sie unseren besten Büchern in den Bibliotheken, deren Inhalt man zwar besitzen kann, wenn man ihn gelesen hat, deren Korpus aber nur geliehen ist.

Marion Poschmann geht den Leihvorgang der Landschaften mit der gleichen Präzision an, mit der Bibliothekare ihre Schätze verwalten. Die „Lehrgedichte und Elegien“ sind in neun Kapitel mit je neun Gedichten unterteilt. Ganz den Gattungsbezeichnungen entsprechend sind die Gedichte didaktisch angelegt, indem etwa Gerätschaften, Sinneseindrücke oder das pure Ambiente neu definiert und in neuen Konstellationen vorgeführt werden, zum anderen sind alle Texte, die man nicht genau zuordnen kann, elegisch.

„Plattenbaulaub“ (21) ist so ein Begriff, der die alten politischen Gezeiten noch einmal zum Leben erweckt, ehe sie unter elegisch abgelegt werden. Im Gedicht wuchert dann noch einmal der ganze Kindergartenbetrieb auseinander zwischen Bastelschere und Ahorn, die Zeilen sind zusammengeklebt wie der erste Muttertag-Brief. „Wir wachsen auf im betongewordenen Trost der Bäume.“

Aus der Pädagogik wissen wir, dass nicht immer etwas im Kopf des belehrten Gegenübers hängen bleiben muss, wenn ein Lehrgedicht angesagt ist. Oft grast das belehrte Subjekt am Wegrand an ganz anderen Kräutern, als in der Mitte des Gedichtes gemeint ist.

Zum Vergleich lese man die Kulturgeschichte des / österreichischen Kindes. / Draußen entlaubter, völliger Weltraum. (26)

In zwei Blöcken wird der Umgang mit der Landschaft auf zwei radikale Weisen vorgestellt. Einmal sind es künstliche Landschaften, die als Ready-Made dem Betrachter zufällig zufallen, und andererseits sind es geliehene Landschaften, die dem Klienten dienlich sind als hygienischer, purgativer oder therapeutischer Hintergrund.

Diverse Kulturtechniken verbinden die oft entlegenen Stoffkreise, so sucht Voodoo einmal eine Fußgängerzone heim und verstopft sie in einem Anfall von Großstadt. Viele Motive verweisen auf ostasiatische Regularien, worin das Leben zum Garten wird, der nach seiner Zähmung in Demut sich selbst überlassen werden muss.

Ein beinahe wie ein Lehrgedicht gehaltenes Nachschlagewerk gibt Auskunft über die einzelnen Stoffe, die Entstehungszeit der Gedichte und über deren Verankerung in der Lyrikszene. Kalingrad, Helsinki, Coney Island oder Kyoto geben poetische Richtungen an, aus denen der Wind bläst, oft auch mit katastrophalem Unterton.

Das Kyoto-Kapitel ist wie ein Überlebenscamp angelegt, Bannwald, Taschenlampe, Schutzhelm, Trinkwasservorrat oder Notrucksack zeigen, dass es ums Ganze geht, wenn die Dinge auf das Nötigste reduziert werden.

Das Schöne am Wald ist seine Gefährdung.

Marion Poschmann hat diesen Zyklus geliehener Landschaften raffiniert komponiert, die einzelnen Elemenet sind nach japanischer Papierfaltkunst zuerst streng verschränkt und mit jedem Falz erweitert sich das Gebilde. Manchmal genügt ein einzelnes Wort, um einen Gedankenvorgang auszulösen wie etwa bei „Klarwasserzone“. Dann sind es wieder straffe Sätze, die ein komplettes Programm vorstellen.

Wenn der Mond sich in dir spiegelt, herrscht Nacht. (65)

– Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Marion Poschmann, Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien
Berlin: Suhrkamp Verlag 2016, 118 Seiten, 20,60 €, ISBN 978-3-518-42522-0

Weiterführende Links:
Suhrkamp Verlag: Marion Poschmann, Geliehene Landschaften
Wikipedia: Marion Poschmann

 

Helmuth Schönauer, 06-05-2016

Bibliographie
AutorIn: 
Marion Poschmann
Buchlangtitel: 
Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien
Erscheinungsort: 
Berlin
Verlag: 
Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 
118
Preis in EUR: 
20,60
ISBN: 
978-3-518-42522-0
Kurzbiographie AutorIn: 

Marion Poschmann, geb. 1969 in Essen, lebt in Berlin.

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