Nicholas Shakespeare, Broken Hill

Wenn ein Ort richtig entlegen ist, fällt er mit einer Handbewegung aus Raum und Zeit. Broken Hill ist ein abgewirtschafteter Bergbau-Ort im tiefsten Australien. Mit der schrottreifen Eisenbahn ist es leichter über die Küste nach London zu gelangen als nach Sidney.

Nicholas Shakespeare siedelt die Geschichte vor genau hundert Jahren an. Broken Hill hat den Anschluss an die Welt verloren, aus den einst gewonnenen Erzen sind längst Waffen und Kugeln gegossen, Broken Hill befeuert gerade den Ersten Weltkrieg mit seinen früheren Exporten. Im Mittelpunkt der Geschichte steht fast kitschig ausformuliert Rosalind, die mit ihren gerade mal zwanzig Jahren den Heiratsmarkt ungemein mobilisiert. Es herrscht nämlich Frauenüberschuss, weil die Männer meist schon in den Minen verunglückt sind.

So klein kann ein Nest im Outback gar nicht sein, dass es nicht ein Klassenbewusstsein zwischen den Guten und den Schlechten gäbe. Die Guten hocken im Zentrum und versuchen die Hitze irgendwie erträglich zu gestalten, die Schlechten sitzen draußen im Ghetto und werden Kameltreiber oder einfach Afghanen genannt.

Auch die Ausgeschlossenen haben ihre Helden, einen afghanischen Eisverkäufer und einen türkischen Metzger, der auf religiöse Schlachtungen spezialisiert ist. Über das Eislutschen hat Rosalinde Kontakt zum Eisverkäufer aufgenommen, er wäre ja ganz in Ordnung, wenn er nicht einer von denen da draußen sein müsste.

Es ist knapp nach Neujahr 1915, die Botschaft vom Weltkrieg in Europa und in der Türkei hat auch das Outback erreicht. Zur Feier des neuen Jahres gibt es eine Bummelfahrt mit einer alten Erz-Garnitur, die zu einem Vergnügungs-Train umgeschmückt worden ist. Es geht hinaus vor die Stadt in die Weite der Wüste.

Rosalind und die Sand-Society sitzen in den Loren und quasseln und schäkern, da taucht an der Böschung plötzlich eine Geheimarmee mit Halbmonden und roten Fahnen auf. Der Metzger und der Eisverkäufer haben dem Nest den Krieg erklärt und beginnen zu ballern. Vorerst halten es alle für einen Scherz. Als aber der Nachbar von Rosalind „wie ein Mantel vom Haken fällt“ (105) nimmt man die Lage ernst, zumal gleich darauf Rosalind einen Kopfschuss erhält, der sie unromantisch zu Boden streckt.

In der Folge rekrutiert sich ein Mob aus Möchtegern-Soldaten, aufgebrachten Bürgern und schäumenden Ordnungshütern. Die Zwei-Mann-Armee wird aufgerieben, man gräbt zwar pro forma zwei Gräber aus, überlässt das Verschwinden der Leichname aber dem Wind.

Broken Hill ist ein entrückter Schwarz-weiß-Kosmos, in dem beharrlich an Ausgrenzung und Feindbildern gearbeitet wird. Als sich dann die große Weltgeschichte beinahe lächerlich innerhalb der Koordinaten des Vergessens breitmacht, kommt es zur Katastrophe. Weltkrieg bedeutet eben, dass er an jedem Punkt der Welt auftritt. – Eine makabre Parallelgeschichte zur Gegenwart.

Nicholas Shakespeare, Broken Hill. A. d. Engl. von Georg Deggerich [Orig.: „Oddfellows“, Australien 2015]
Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 2016, 125 Seiten, 18,00, ISBN 978-3-455-40544-6

 

Weiterführende Links:
Hoffmann und Campe Verlag: Nicholas Shakespeare, Broken Hill
Wikipedia: Nicholas Shakespeare

 

Helmuth Schönauer, 04-05-2016

Bibliographie
AutorIn: 
Nicholas Shakespeare
Buchlangtitel: 
Broken Hill
Übersetzung: 
Georg Deggerich
Originaltitel: 
Oddfellows
Erscheinungsort: 
Hamburg
Verlag: 
Hoffmann und Campe
Seitenzahl: 
125
Preis in EUR: 
18,00
ISBN: 
978-3-455-40544-6
Kurzbiographie AutorIn: 

Nicholas Shakespeare, geb. 1957 in Worcester, lebt in Wiltshire / England u. in Tasmanien.

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