Stefan Schweiger, liegen bleiben

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„Liegen bleiben“ ist ein Ausdruck, der aufs Erste das Österreichische perfekt zum Ausdruck bringt. Eine Arbeit bleibt liegen, ein Beamter entschließt sich, heute liegen zu bleiben, ein Projekt bleibt liegen, Fahrzeuge bleiben liegen, etwas wird weggeworfen und bleibt liegen.

Stefan Schweiger geht mit seiner Liegen-Bleib-Prosa noch ein Stück über das Österreichische hinaus, er behandelt nichts anderes als den Schöpfungsbericht und die Evolution, die in ihrer Entwicklung liegen bleiben und in einem vor-evolutionären Zustand irgendwo bei den schwarzen Löchern des Universums enden. Dabei durchbohren die knallhart reduzierten Formulierungen jedes Gestein, jede Gedankenmasse, jeden Teil des Universums.

In einem Dreierschritt (I, II, III) werden vorerst einmal alle Sätze, die etwas mit Zukunft, Evolution oder Dynamik überhaupt zu tun haben zum Abschuss gebracht. „wir sind die Saat. Die Krähen über uns.“ (39) „Worte versteifen sich gerne und geben nicht nach.“ (43) Die letzten Individuen, die sich noch mit Wissenschaft und Forschung beschäftigen, warten, bis sie auch das Lesen verlernt haben.

Mit diesem Verfall der Öffentlichkeit geht auch eine generelle Demenz des Einzelnen einher. Die Bedeutung der Sätze bleibt mitten im Satzbogen liegen. Was irgendjemand angefangen hat, kann niemand mehr vollenden. Überall häufen sich Bruchstücke und berufen sich auf eine leere Selbstreferenz, „Wer Ich sagt, meint nichts.“

Im Text lösen sich an dieser Stelle die Zeilen auf, nicht alles, was linksbündig begonnen hat, erreicht den rechten Zeilenrand, wie nach einem Hackerangriff sind Absätze verschlüsselt und für das Leseauge gesperrt. Ein Viren-Angriff auf den Sinn zerstört das Gefüge und im besten Fall lässt es sich noch als lyrisches Material dechiffrieren.

Meine Tochter ist mittlerweile so jung geworden, dass ich sie weder zeugen noch gebären hätte können. (105)

Die Fließrichtung der Zeit hat sich umgedreht, so dass alles in einer einzigen Dekonstruktion mündet.

Im Schlussteil hat die Magie des „Liegen-Bleibens“ wahrscheinlich schon den Weltraum erreicht. Viel Materie ist verschwunden oder hat sich in Schwarze Löcher verkrochen, die einzelnen Gestirne bleiben in ihren Bahnen hängen, Pulsare liegen in der Antimaterie. Ich werde nicht liegen bleiben, schreit ein lyrisches Ich aus dem Sternenhaufen von Wörtern heraus, aber das Ende ist unvermeidlich, im Text heißt es:

bis sie uns absorbieren. Wir endlich annulliert sind. home again. (215)

Stefan Schweiger kümmert sich mit dieser archaisch sauber gehauenen Prosa um die Evolution, die ihre Richtung verloren hat, um das Individuum, das sich bei der Selbstzerstörung behilflich ist, und um ein Universum, das jeglichen Schöpfungsbericht einkassiert und zur Null macht. Und obendrein wird diese Meta-Katastrophe auch noch witzig dargestellt, denn Humor und Liegen-Bleiben sind die einzigen Mittel, den Untergang in voller Wirkung auf sich einströmen zu lassen. - Raffiniert, politisch kühn und erzähltechnisch auf der Höhe eleganter Dekonstruktion!

Stefan Schweiger, liegen bleiben. Prosa
Klagenfurt: Ritter Verlag 2016, 215 Seiten, 18,90 €, ISBN 978-3-85415-545-4

 

Weiterführender Link:
Ritter Verlag: Stefan Schweiger, liegen bleiben

 

Helmuth Schönauer, 09-06-2016

Bibliographie
AutorIn: 
Stefan Schweiger
Buchlangtitel: 
liegen bleiben. Prosa
Erscheinungsort: 
Klagenfurt
Verlag: 
Ritter Verlag
Seitenzahl: 
215
Preis in EUR: 
18,90
ISBN: 
978-3-85415-545-4
Kurzbiographie AutorIn: 

Stefan Schweiger, geb. 1967, lebt als Sozialpsychologe und Autor in Berlin.

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