Alle Artikel von h.schoenauer

C.H. Huber, Milzschnitten und andere Spezialitäten

Jede gesellschaftliche Etage bringt zu gewissen Zeiten modische, kulinarische oder spielerische Gesten hervor, die eine Zeit recht gut beschreiben und hintennach als historisches Aha-Erlebnis gehandelt werden. Die Milzschnitten sind so eine Spezialität, die in diversen Haushalten des Wirtschaftswunders mit Genuss und Ekel verzehrt worden ist, ehe ihr hygienische EU-Vorschriften zumindest als Massenartikel den Garaus gemacht haben.

C. H. Huber versammelt unter dem Titel „Milzschnitten“ vierzehn Geschichte aus einem Alltagskosmos, der scheinbar wie geschmiert nach Benimm-Regeln abläuft, worin die Heldinnen und Helden aber ganz schon zu kauen haben, wenn sie ihre Lage reflektieren.

Regina Hilber, Landaufnahmen

Raffinierte Titel sind immer mehrdeutig wie die Lyrik überhaupt. Landaufnahmen können sich auf die Rezeption besinnen, wonach jemand Aufnahmen von einem Land macht und es als Kunstrichtung zwischen Selfie und Landschaftsmalerei ablegt. Die Landaufnahmen können sich aber auch auf die Gastfreundschaft eines Landes beziehen, wenn das Land jemanden willkommen heißt und aufnimmt.

Regina Hilber sortiert ihre Gedichte einerseits unter dem Lichtbogen konkreter Landschaften wie Hohe Tatra, Alpen oder Friaul ein, andererseits transformiert sie zustände und Stimmungen zu emotionalen Landschaften wie Sommer Slowenien.

Margit von Elzenbaum, Zwischen jetzt und jetzt

Eine Geschichte verändert sich naturgemäß, wenn sie in eine andere Sprache übersetzt wird. Oft erschließt sich der tiefere Sinn erst, wenn man den Text zweisprachig plastisch vor sich sieht wie eine Stereoaufnahme von einem Gelände.

Margit von Elzenbaum greift das fundamentale Thema der Südtiroler, nämlich die Mehrsprachigkeit, in ihren elf Geschichte auf, freilich geht es dabei um den Gap zwischen Dialekt und verschrifteter Sprache. Manche Geschichten sind als kurze lyrische Impression angelegt und logischerweise im Dialekt gehalten, die längeren und komplexeren Geschichten halten sich an die Schriftsprache. Einen Sonderfall stellt die Titel-gebende Story „Zwischen jetzt und jetzt“ dar, worin an besonders emotionalen Stellen oder wenn eine Heldin in den inneren Monolog wechselt, der Dialekt nahezu brachial loslegt.

Bettina Balàka, Die Prinzessin von Arborio

Gebildete und emanzipierte Märchenprinzessinnen schlafen natürlich nicht mehr auf der Erbse, sondern auf exotischem Reis. Arborio gilt für Risotto-Liebhaber als Inbegriff geschmackhaften Reises.

Bettina Balàka spielt bewusst mit diesen Bobo-Elementen Genuss, Insiderwesen und Adabei-Szenerie, wenn sie ihre Heldin Zorzi durch alle Zwiebelschalen der Forensik jagt. Dabei wird das Leben als ein Gefäß erzählt, in dem man einsitzen muss.

Alexia Zöggeler, Die gute Landkräuterküche

Kräuter gelten als magische Wunderstoffe und als Lebens-Elixiere schlechthin. In der Literatur treten sie immer dann auf, wenn die Fiktion in die Realität umschlägt und die Schwerkraft in Luftigkeit. Drogenfahnder misstrauen Kräutern generell, weil ihre Anwender den Fahndern immer einen Schritt voraus sind. Vor allem ist die Zahl der Kräuter unendlich. Und in der Küche werden Kräuter als flächendeckender Trüffel eingesetzt, alles, was mit ihnen in Berührung kommt, gilt als veredelt.

„Die gute Landkräuterküche“ strotzt schon im Titel vor lauter ermunternden Begriffen, am liebsten würde man einzeln ins Land zu den Kräutern und in die Küche reisen. Vor allem wenn das alles von Alexia Zöggeler betreut wird, die sich augenzwinkernd Kräuterpädagogin nennt, die stets von einer Riesenschar an Kräutern umgeben ist.

Peter Steiner, Wenn mein Vater Polnisch spricht

Geologen sind seltsamerweise die idealen Verbündeten, wenn es um das sorgfältige Darstellen von seelischen Verwerfungen geht. Mit der gleichen Zuneigung, mit der sie sich um die Morphologie von „Mutter Erde“ kümmern, lassen sie sich fallweise auch auf die Vorgänge von Erinnerung, Zeitgeschichte, Reisen und Lebensausblick ein.

Peter Steiner schickt seinen Ich-Erzähler 1981 zu einem Geologen-Kongress nach Irkutsk. Das Reisetagebuch ist die Engstelle einer biologischen Sanduhr, bei der es ein Vorher und ein Nachher gibt.

Selim Özdogan, Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

Vorurteile, Halbwahrheiten und falsche Bilder im Umgang zwischen Türken und Deutschen lassen sich in einer Welt voller politischer Correctness nur schwer darstellen. Spätestens seit sich eine türkische Majestät von einem deutschen Satiriker so beleidigt fühlt, dass dieser vor Gericht muss, überlegt man es sich als Schriftsteller dreimal, was man schreiben darf und was nicht.

Selim Özdogan stellt diesen oft unterschiedlichen Zugang zum Alltagsleben in beiden Kulturen in Frage. „Wieso Heimat, ich wohne doch zur Miete“ bringt es schon als Formulierung auf den Punkt, Heimat, Kultur, Identität sind immer auch Geschäftsangelegenheiten. Wenn du wo dazu gehören willst, musst du Miete zahlen. Diese seltsamen Fragestellungen sind überhaupt der Kniff, um Tabus und ähnliche Sperrriegel zu umschiffen.

Étienne de La Boétie, Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft

Kampfschriften, Aufrufe und Epochen-Essays lösen im Idealfall viel mehr aus, als es dem meist schmalen Text auf den ersten Blick zugemutet wird. Eine Auseinandersetzung mit diesen „Text-Preziosen“ ist immer auch eine Überlegung darüber, wem so ein Diskurs nützen könnte.

Bernd Schuchter vom Limbus Verlag hat den Text aus dem Jahre 1574 in seiner romantischen Übersetzung von 1821 vielleicht aus drei Gründen ausgewählt und aufbereitet. Einmal um zu zeigen, dass es pro Epoche nur eine Meinungshoheit gibt. La Boétie wäre nie bekannt geworden, hätte sich nicht Montaigne um ihn gekümmert und sich auch seinen Text unter den Nagel gerissen. So ist die „Knechtschaft“ erst nach dem Tod des Autors als Zuliefertext für Montaigne gedruckt worden.

Bastian Kresser, Piet

Eine Geschichte funktioniert wie eine Software, jemand muss sie erfinden und programmieren, jemand muss sie anwenden, jemand muss sie archivieren oder löschen. Schriftsteller müssen Tag für Tag mit diesem Software-Modell arbeiten, kein Wunder, dass manchmal dabei ein Burnout ausbricht.

Bastian Kresser nimmt das Burnout des Ich-Erzählers zum Anlass, um in dieses Loch raffiniert ein volles Schreibprogramm hinein zu installieren. Der Held Fabian hat schon ein Buch veröffentlicht und steht unter Schock, als ihm der Verleger sagt, Schriftsteller ist man erst ab dem zweiten Buch. Die Schreibkrise ist perfekt!

Martin Kolozs, Sommer ohne Sonne

Als Katastrophe gilt im Tourismus generell jedes Phänomen, wonach die Jahreszeiten aus dem gewohnten Bild ausbüchsen. Winter ohne Schnee, Herbst ohne Blätter, Frühjahr ohne Blüten gelten als Desaster.

Martin Kolozs nimmt diese negativen Idealbilder zum Anlass, um darin eine Künstler-Karriere zu installieren. Sommer ohne Sonne zeigt einen Mann, der am Höhepunkt seiner Liebes- und Genitalfähigkeit ohne Sonne einem diffusen Horizont entgegen dämmert.

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